oHnig - Honig ohne Bienen?!

@ Annie Spratt / Unsplash
@ Annie Spratt / Unsplash

Die Frage, ob Honig Bestandteil einer pflanzlich basierten Lebensweise sein kann, gehört zu den klassischen Kontroversen in der veganen Community. Ich selber habe mich an diesem Thema bereits das ein oder andere Mal probiert, unter anderem in diesem Gastartikel auf Vegtastisch.de.

 

lipfein-Autorin Marie-Lena Nelle hat nun zwei Menschen getroffen, die sich der Debatte ganz pragmatisch genähert und etwas entwickelt haben, das fast genauso wie, wenn nicht gar besser als Honig schmeckt. Die Rede ist von Diane und Andreas, die unter dem Label Fräulein Emmas Bio Manufaktur unsere Frühstückstische mit ihren oHnig-Aufstrichen begeistern.

 

Viel Spaß beim Lesen,

eure Marie

Ein Treffen mit echten Pionieren

Heute bin mit Diane verabredet, die mit ihrem Mann Andreas „Fräulein Emma’s Bio Manufaktur“ gegründet und „oHnig“ - eine pflanzliche Honigalternative in Bioqualität - entwickelt hat.

 

Andreas ist gelernter Koch und musste eines Tages während der Arbeit in einem Tagungshotel feststellen, dass sich die Hälfte der Seminarteilnehmer vegan ernährt. Die Suche nach einer zufriedenstellenden Alternative zum süßen Brotaufstrich, also vor allem zu Honig, blieb erfolglos und so hat er in der heimischen Küche experimentiert.

 

„Süßungsmittel wie Agavendicksaft und Zuckerrübensirup sind geschmacklich ja recht zuckrig. Unser Ziel war es, so nah wie möglich an die kulinarische Facettenvielfalt des Honigs heranzukommen. Bei diesem schmeckt man ja nicht nur die zuckrige Süße heraus, sondern auch weitere aromatische Komponenten wie beispielsweise die Blütenart“, erzählt Diane.

 

Seit Ende Februar 2017 kann man das Ergebnis im Online Shop der Manufaktur sowie in mehreren Berliner Geschäften erwerben. Die Zahl der Handelspartner steigt stetig an, die Nachfrage ist groß.

Veganer essen keinen Honig.

 

Warum viele Veganer nicht einmal Honig essen, löst in meinem Umfeld oftmals Unverständnis aus. Fleisch- und Milchprodukte sowie Eier, das ist ja noch verständlich. Aber wieso verzichten Veganer denn bitte auf Honig, der uns schon in Kindertagen durch Winnie Puuh, Biene Maja und Co. schmackhaft gemacht wurde?

 

Die Bienen sind doch schließlich auf die Fürsorge ihrer Imker angewiesen und es stört sie wohl kaum, ihren Honig im Gegenzug mit uns Menschen zu teilen -  oder etwa doch?! Ich persönlich esse seit geraumer Zeit und spätestens seit dem Umstieg vom Vegetarismus zum Veganismus keinen Honig mehr. Die Umstellung war so unaufregend und klein, dass ich sie einfach direkt vollzog und mich nicht – anders als bei weiteren Erzeugnissen tierischer Herkunft wie Eier und Milch - aktiv und umfassend mit den Hintergründen befasst habe.

 

Ich muss also gestehen: Von Blumen und Bienen weiß ich nicht viel.

 

Bei meiner Recherche finde ich heraus, dass Honig zu stolzen 80% aus Zucker besteht, nämlich aus Fruchtzucker, Traubenzucker und Vielfachzucker. Daneben beinhaltet das „flüssige Gold“ unter anderem Wasser, Enzyme, Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren. (Quelle: lebensmittellexikon.de)

Das ist sie also, die Zutatenliste.

Doch wie entsteht Honig denn nun eigentlich?

 

"Die Sammlerinnen unter den Bienen beschäftigen sich tagein, tagaus damit, von Pflanze zu Pflanze zu fliegen und Blütennektar mit ihrem Rüssel aufzusaugen“, erklärt Diane, "Gleichzeitig kümmern sie sich um die Erhaltung sowie Vermehrung der Pflanzen, indem sie Pollen von der einen zur anderen Blüte transportieren."

 

Dabei sind Honigbienen blütenstet, was bedeutet, dass sie sich bei ihrer Suche solange auf eine Pflanzenart konzentrieren, wie der Vorrat reicht. Der Nektar wird während des Transports im Bauch der Bienen mit körpereigenen Stoffen wie Enzymen angereichert.

 

„Zurück im Bienenstock würgt die Sammlerin das Nektargemisch wieder hoch und gibt die Arbeit an die Arbeiterinnen weiter.“, so Diane, „Diese saugen den Pflanzensaft auf, würgen diesen wieder hoch und geben ihn an die nächste Kollegin weiter.“

 

Dem Nektar wird durch die stetige Weitergabe immer mehr Flüssigkeit entzogen und im Gegenzug Bienenspeichel beigefügt. Nach einem aufwendigen Trocknungsprozess durch ihre Flügelschläge legen die Insekten den verarbeiteten Nektar in den Waben ab, welche sodann mit einer Wachsschicht verschlossen werden. Ist die Reifung vollzogen, kommt der Imker ins Spiel, der den Honig mit maschineller Unterstützung aus den Waben schleudert.

 

Die Umwandlung von Nektar in Honig ist also ein hochkomplexer Arbeitsprozess, so dass eine Biene in ihrem vier- bis fünfwöchigem Leben gerade einmal einen Esslöffel Honig produziert. Wieso setzen sich die Bienen einer so enormen Arbeit aus?

 

„Bienen sammeln Nektar hauptsächlich, um damit sich und ihren Nachwuchs zu ernähren. Außerdem werden Vorräte angesammelt, um als Volk den Winter gut zu überstehen“, erklärt Diane und kommt auf die Frage zu sprechen, weshalb Veganer keinen Honig aufs Frühstücksbrötchen schmieren. „In der Praxis der Honigindustrie erhalten die Bienen nach der Entnahme ihres Honigs einen in der Regel sehr billigen Ersatz aus Zuckerlösung, welcher die Tiere nicht ausreichend versorgt und so anfälliger für Krankheiten macht.“

 

Des Weiteren sei der Umgang bei der Honigentnahme mit den fleißigen Bienen in der koventionellen Produktion selten von Achtsamkeit, sondern viel mehr von Profit geprägt. In Folge dessen würden die Insekten zerquetscht werden oder würden Körperteile einbüßen müssen.

 

Während meiner Recherche lande ich zudem immer wieder auf Händlerseiten für Imker, die Besamungsgerätschaften zum Kauf anbieten. Mit diesen sollen die Bienenköniginnen in der konventionellen Zucht künstlich befruchtet werden.

Mir als Imker sind gesunde Bienen das Wichtigste.

 

Viele Hobbyimker fühlen sich und ihre Arbeit durch die Kritik seitens der Tierschutzorganisationen verraten und bezeichnen diese als undifferenziert. So äußerte sich auch ein früherer Kollege von mir, der sich seit Jahren mit einer erstaunlichen Fürsorge seinen Bienen im heimischen Garten widmet. Die Vorwürfe würden durchaus auf die Massenproduktion zutreffen, doch diese würden von den kleineren (Bio-) Imkereien jedoch ebenfalls scharf verurteilt werden.

 

Des Weiteren verweisen Öko-Imkereien auf die strengen Richtlinien der Bio-Europäischen Union, die im Jahre 2000 geltend gemacht wurden und den Begriff Bio-Honig schützen. Zu den wesentlichen Anforderungen zählen beispielsweise das Unterlassen des Flügelstutzens der Bienenkönigin und die Versorgung der Bienen mit möglichst viel eigenem Honig in den Wintermonaten. Chemische Substanzen sowie die Vergabe von Medikamenten sind untersagt.

 

Ökologische Verbände wie Bioland und Demeter setzen sich zudem unter anderem für die Gewährleistung von einer natürlichen Vermehrung der Insekten ein. Außerdem ersetzen sie altes Wachs in den Waben durch frisches, was die Anreicherung von Umweltschadstoffen unterbinden soll.

 

Bei Imkern gibt es also gravierende Haltungs- sowie Umgangsunterschiede, zumal Imker in Deutschland laut dem Deutschen Imkerbund (Quelle: http://deutscherimkerbund.de/161-Imkerei_in_Deutschland_Zahlen_Daten_Fakten) im Schnitt lediglich 7,3 Völker unterhalten und ihre Imkerei höchstens als Nebenerwerb betreiben. Diane sieht die Problematik daher vordergründig auch nicht bei den regionalen Imkern.

 

„Ungefähr 80% unseres Honigkonsums in Deutschland entstammt leider Importen aus Lateinamerika, Bulgarien und China“, erzählt sie. „Dort sind die Richtlinien weitaus lockerer und wir können hier von einer tatsächlichen Massentierhaltung sprechen.“

 

In diesen Ländern sind die Verwendung von Antibiotika und Pestiziden sowie der Anbau genmanipulierter Nutzflanzen üblich, deren Pollen dann in den Honiggläsern landen. Neben einer enormen und unnötigen Umweltbelastung erhöhen die langen Transportwege des Weiteren die Einführung gefährlicher Bienenkrankheiten nach Deutschland. Somit sei es sinnvoll, sich für Honig aus seiner Region zu entscheiden.

 

„Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er Honig konsumieren möchte“, findet Diane. „Möchte man darauf nicht verzichten, so ist es ratsam, Honig aus seiner Region unter biologischen und wesensgemäßen Bedingungen zu beziehen.“

Ein Herz für Bienen

 

Wer sich auch anderweitig für die lebensnotwendigen Bienen einsetzen möchte, der hat hierfür diverse Möglichkeiten. So bietet es sich an, Lebensmittel zu erwerben, für welche keine Pestizide verwendet wurden.

 

Pestizide wie das derzeit viel diskutierte Glyphosat sorgen bei den Insekten für eine Beeinträchtigung der Orientierung sowie Brutschäden. In der biologischen Landwirtschaft sind Pestizide unter anderem deshalb und vollkommen zurecht untersagt.


Auch im sonstigen Haus- und Gartenleben sollte bestmöglich nicht auf bienenschädliche Pestizide zurückgegriffen werden. Für die sogenannte Unkraut- und Schädlingsbekämpfung gibt es diverse Alternativen, zu denen biologische Gärtner und Landwirte sicherlich mit Rat zur Seite stehen. Für den eigenen Garten empfiehlt Diane außerdem das Säen bienenfreundlicher Pflanzenarten. Wildblumen und Obstbäume erfreuen und unterstützen nicht nur Bienen, sondern auch andere Insekten wie Schmetterlinge und Hummeln.

 

Auch unsere heimischen Wildbienen brauchen akut Unterstützung, denn von den 560 Wildbienen stehen bereits 300 auf der „Roten Liste“. Entgegen einiger Annahmen tragen diese weitaus mehr zur Fruchtbildung (und somit auch zur Ernte) bei als die Honigbiene.

 

„Der erste Schritt besteht darin, sich über die Wildbienen zu informieren und auf die Problematik aufmerksam zu machen“, rät Diane. Eine gute Anlaufstelle hierfür sei die Internetseite der Deutschen Wildtier Stiftung (https://www.deutschewildtierstiftung.de/wildtiere/wildbienen). Möchte man selbst tätig werden, so kann man ein Wildbienenhaus als Nistmöglichkeit im eigenen Garten installieren oder Projekte zum Schutz der Wildbienenarten mit einer finanziellen Spende unterstützen.

 

Bienenkrankheiten wie die Amerikanische Faulbrut (AFB) kommen häufig durch importierten Billighonig zu uns nach Deutschland. Die für Menschen unbedenklichen Sporen werden über die Honigreste von den Bienen aufgenommen und in die heimischen Völker transportiert. Ist ein Bienenvolk erst einmal mit der Faulbrut infiziert, so muss es vernichtet werden. Der Imkereiverein Dresden e.V. richtete sich deshalb im Frühjahr dieses Jahres mit einem eindringlichen Appell an die Honigkonsumenten: Bitte wascht die Honiggläser vor dem Wegwerfen aus.

 

Zum Abschluss spricht Diane außerdem noch eine Empfehlung für den Film „Honig-Komplott“ aus. Auch der Film „More than Honey“ befasst sich mit der Wichtigkeit der Bienenarten für unseren Planten. Eine letzte Frage liegt mir noch auf der Zunge. Honig, oHnig, brauchen wir das überhaupt?


Diane lächelt. „Nein, man braucht weder Honig, noch oHnig. Doch brauchen wir Marmelade oder Nuss-Nugat-Creme? Man hat zum Frühstück doch gern etwas Schönes auf dem Teller. Und das ist auch gut so.“

 

Finde ich auch, denke ich mir, und gehe zielstrebig zum Bio-Bäcker meines Vertrauens.

 

Autorin: Marie-Lena Nelle

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